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Zusammenfassung

Teilanalyse der österreichischen Obst- und Gemüsewirtschaft. Agrarpolitischer Arbeitsbehelf Nr. 28 der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft


Hambrusch, J.; Quendler, E.

2008-10-13

Die am 01.01.2008 in Kraft getretene Reform der GMO für Obst und Gemüse sieht unter anderem die Erarbeitung einer nationalen Strategie für die weitere Entwicklung des österreichischen Obst- und Gemüsesektors vor. In Österreich ist das Lebensministerium mit dieser Aufgabe betraut. Die vorliegende Teilanalyse der österreichischen Obst- und Gemüsewirtschaft bietet, unter Berücksichtigung europäischer- und internationaler Märkte, eine umfassende Sammlung wichtiger sektorspezifischer Daten und versucht, Auskunft über die Wettbewerbsfähigkeit und Entwicklungsräume des heimischen Obst- und Gemüsesektors zu geben.

Dabei wurden die verschiedenen Aktionsfelder der beiden Sektoren berücksichtigt und in folgenden Kapiteln bearbeitet: Rahmenbedingungen, Entwicklung der Nachfrage, Lebensmitteleinzelhandel, Obst- und Gemüsemarkt sowie anerkannte Erzeugerorganisationen. Zur Anwendung kamen unterschiedliche Untersuchungsmethoden, wie z.B. Literaturrecherchen, statistische Datenanalysen sowie Befragungen, angewandt. Die Ergebnisse können als Schlussfolgerungen für die betrachteten Akteurfelder, wie folgt, zusammengefasst werden:

 

Rahmenbedingungen

* Der Anteil des Produktionswertes aus der Landwirtschaft am österreichischen Bruttoinlandsprodukt nimmt weiterhin langsam ab. Der Strukturwandel dürfte sich in der Landwirtschaft insgesamt, aber auch im Obst- und Gemüsebausektor fortsetzen, Konzentrationstendenzen in der Landwirtschaft sowie in den vor- und nachgelagerten Sektoren sind die Folge.

* Die zunehmende Internationalisierung führt zu einer Homogenisierung der Lebensstile und -gewohnheiten aber auch der Produktion und der Produktqualität. Als Ergebnis dieser Entwicklung kristallisieren sich international einheitliche Produktionsstandards (vgl. EurepGAP) heraus. Dem gegenüber stehen Trends, die individuelle Einkaufsmuster entstehen lassen und es der einzelnen Person ermöglichen, sich vom "Mainstream" abzugrenzen (Ethno-Food,).

* Die Versorgung der Bevölkerung mit regional produzierten Erzeugnissen gewinnt an Bedeutung. Einerseits vertrauen die KonsumentInnen auf die Herkunft aus der Region, andererseits spielen Umweltschutzaspekte, im konkreten Fall kurze Transportwege, einen zunehmend wichtigere Rolle. Dies führt zu einer Aufwertung der Obst- und Gemüseproduktion in der Region, gleichzeitig wird ein größerer Teil der Kaufkraft im regionalen Wirtschaftskreislauf gehalten.

* Die Forderung der KonsumentInnen nach umweltfreundlich produziertem und qualitativ hochwertigem Obst und Gemüse nimmt sowohl im Premiumbereich als auch im Billigpreissegment zu (Bio-Schiene bei Diskontern). Politik und Lebensmitteleinzelhandel reagieren darauf mit zunehmend strengeren Qualitätsanforderungen und Produktionsauflagen.

* Sozio-demographische Entwicklungen beeinflussen das Ernährungsverhalten nachhaltig. In Österreich sind insbesondere Migration und Überalterung Triebkräfte dieser Änderungen. Weitere wichtige Einflussgrößen sind unter anderem die Entwicklung der Haushaltsgrößen und neue Zusammenlebensformen (z.B. Ausprägung neuer Single-Typologien). Wann, was und wo gegessen wird, ist Ausdruck sozio-demographischer Entwicklungen. Dies gilt auch für den Obst- und Gemüseverbrauch.

* Das Klima verändert sich und stellt die Akteure in der heimischen Obst- und Gemüsewirtschaft bezüglich Kulturführung, Pflanzenschutz und Ertragslage vor neue Herausforderungen. Davon sind in besonderem Maße aber auch die südeuropäischen Länder betroffen (Problematik der Wasserknappheit) und damit bedeutende Obst- und Gemüseexportländer.

 

Entwicklung der Nachfrage

* Der Verbrauch von Obst- und Gemüse steigt seit 1995. 2005/2006 lag der Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich bei Obst um 94 kg und bei Gemüse um 106 kg.

* Paradeiser, Zwiebeln und Karotten sowie Äpfel, Bananen und Birnen zählen zu den beliebtesten Gemüse- und Obstarten.

* Die Nachfrage nach Bioobst und -gemüse ist seit 2005 deutlich gestiegen und dürfte sich auch weiterhin fortsetzen, dabei kommt dem LEH eine zunehmende Bedeutung als Einkaufsstätte für Bioobst und -gemüse zu.

* Gemüse gehört zu jenen Produkten, bei denen die (regionale) Herkunft eine große Bedeutung für die Kaufentscheidung hat. Bei Obst spielen die Importe insgesamt eine große Rolle, da vor allem Zitrusfrüchte und exotische Obstarten aufgrund einer fehlenden heimischen Produktion in größerem Umfang importiert werden.

* Der Anteil der Haushaltsausgaben für den Außer-Hauskonsum (Arbeitsplatz, Bildung, Freizeit) nimmt zu und spiegelt die geänderten Ernährungsgewohnheiten wieder.

* Die Nachfrage nach Convenience-Produkten, auch im Obst- und Gemüsebereich (küchenfertige Salate, Smoothies, Tiefkühlprodukte, vorgeschnittenes Obst und Gemüse,...), nimmt zu.

 

Lebensmitteleinzelhandel

* Der österreichische LEH ist durch eine hohe Marktkonzentration gekennzeichnet. Die sechs größten Unternehmen des Lebensmittelhandels verfügten 2006 über 93 % des Gesamtumsatzes.

* Der LEH stellt die wichtigste Einkaufsstätte für Obst- und Gemüse (ca. 60 % der Einkäufe) dar.

* Etwa ein Drittel der Obst- und Gemüseeinkäufe entfallen auf Diskonter (steigende Tendenz).

* Alternative Einkaufsstätten (Wochenmarkt, Bauernmärkte, ab Hof-Verkauf) halten einen Anteil von 5 % (Frischobst) bis 6,5 % (Frischgemüse).

* Für die Zukunft wird eine differenzierte Nachfrageentwicklung erwartet. Einerseits wird sich in urbanen Gebieten der Trend hin zum Einkauf bei Diskontern und Verbrauchermärkte weiter fortsetzen. Andererseits wird ein Teil der Bevölkerung dem Direktbezug den Vorrang geben, speziell in Zusammenhang mit dem Wissen über Produktionsverfahren und Herkunft der Produkte.

 

Gemüse

* Der Gemüsebau ist nach wie vor ein bedeutender Sektor innerhalb der österreichischen Landwirtschaft und trägt etwa 7 % zum Produktionswert der Landwirtschaft bei. Der Gemüsebau generiert damit nicht nur landwirtschaftliches Einkommen, sondern fungiert auch als Einkommensmultiplikator für andere Sektoren.

* Die Entwicklung des österreichischen Gemüsebaus ist gekennzeichnet durch einen Betriebs- und Flächenrückgang, aber auch durch eine Erhöhung der Hektarerträge, d.h. es kommt zu einer Konzentration der Produktion, was auf eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Effizienz schließen lässt.

* Gemüsebau erfolgt in Österreich vorwiegend in klein- und mittelgroßen Produktionseinheiten (Ausnahmen beim Feldgemüsebau in Marktfruchtbetrieben), wobei saisonale Arbeitkräfte im personalintensiven Gemüsebau eine bedeutende Rolle spielen. Für die Zukunft wird erwartet, dass die Zahl der Gemüsebaubetriebe, bei einer leichten Ausdehnung der Anbaufläche und höheren Hektarerträgen, weiter abnimmt. Gleichzeitig dürfte der Spezialisierungsgrad in der Produktion weiter zunehmen. Die Fruchtfolge wird der nachgefragten Mengen angepasst, die Anzahl der einzelnen Kulturen nimmt ab.

* Um den Handelsunternehmen als gleichwertiger Partner bei den Verhandlungen entgegentreten zu können, dürfte der Absatz über EO in Österreich an Bedeutung gewinnen. Der Direktverkauf bleibt eine Alternative zum Absatz über den Handel.

* Im österreichischen Gemüsebau hat die naturnahe Bewirtschaftung im Rahmen der Integrierten Produktion (IP) und der biologischen Wirtschaftsweise einen besonderen Stellenwert, wobei der Bio-Gemüsebau an Bedeutung gewinnt. Hiermit wird der steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln, die sich durch einen Mehrwert "geringere ökologische Belastung" auszeichnen, entsprochen.

* Aufgrund saisonbedingter Produktionsschwankungen erreicht der Selbstversorgungsgrad bei Gemüse etwa 57 % und Gemüseimporte sind von großer Bedeutung. Tomaten, Paprika und Salate sind die Hauptimportartikel, die wichtigsten Herkunftsländer sind Deutschland, Spanien und Italien.

* Die Exporte konnten in den letzten Jahren kräftig gesteigert werden, allerdings betrugen diese 2006 weniger als ein Viertel des Importwertes. Über ein Drittel aller Exporte gingen nach Deutschland. Künftig dürfte in den östlichen Nachbarländern mit steigender Kaufkraft auch die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Gemüse steigen (z.B. Biogemüse). Aufgrund der geografischen Nähe könnten diese Märkte für österreichische Gemüseexporte von Interesse sein.

 

Obst

* Der österreichische Erwerbsobstbau ist gekennzeichnet durch einen Betriebs- und Flächenrückgang, aber auch durch eine deutliche Erhöhung der gepflanzten Bäume pro Flächeneinheit. Auf einer kleineren Fläche steht also ein größeres Produktionspotential zur Verfügung. Diese Entwicklung ist auf andere Kulturführungsformen, z.B. Superspindelanlagen, die eine höhere Baumzahl je Flächeneinheit ermöglichen, aber kurzlebiger sind, zurückzuführen.

* Obstbau erfolgt in Österreich vorwiegend in bäuerlichen Klein- und Mittelbetrieben, wobei ausländische Saisonarbeitskräfte speziell während der Erntemonate eine bedeutende Rolle spielen. Für die Zukunft wird erwartet, dass die Zahl der Obstbaubetriebe, bei einer leichten Ausdehnung der Anbaufläche und höheren Hektarerträgen, weiter abnimmt. Gleichzeitig dürfte der Spezialisierungsgrad zunehmen.

* Der Absatz von Obst über EO gewinnt zunehmend an Bedeutung - vor allem um auch überregionale Märkte zu nützen.

* Importe spielen aufgrund der fehlenden Anbaumöglichkeiten spezieller Obstarten (z.B. Zitrusfrüchte, exotische Obstarten) für den österreichischen Obstmarkt eine große Bedeutung. Bedeutendstes Importobst sind Bananen, Zitrusfrüchte und Nüsse; Italien und Spanien sind die wichtigsten Herkunftsländer.

* Positiv entwickeln sich auch die Exporte und werden vom Kernobst bestimmt. Künftig dürften die Ausfuhren von haltbar gemachten Früchten (Tiefkühlobst, Trockenfrüchte) weiter an Bedeutung gewinnen. Auch der Export von qualitativ hochwertiger Ware (z.B. Bioware) dürfte ansteigen.

 

Anerkannte EO

* Durch die Kleinstrukturiertheit der österreichischen Obst- und Gemüsebetriebe bieten Kooperationen im Rahmen von EO die Möglichkeit, die Marktstellung des einzelnen Betriebes zu verbessern. Die Zusammenfassung des Angebots von Obst und Gemüse führt für österreichische Verhältnisse zu relativ großen Angebotsmengen. Weiters besteht die Möglichkeit, das Angebot, durch eine gezielte Anbauplanung (z.B. bei der Sortenwahl), besser auf die Bedürfnisse des Marktes (Nachfrage) abstimmen zu können. Die Nutzung von Gemeinschaftsanlagen (z.B. Verpackungsanlagen) kann zur Reduktion der Kosten beitragen.

* Die Bedeutung der EO lässt sich an Kenngrößen, wie des Anteils der EO an der österreichweit vermarkteten Obst- und/oder Gemüsemenge bzw. des Anteils des Produktionswertes, ablesen.

* Die Entwicklung der Anzahl der Mitgliedsbetriebe der EO in Österreich ist durch einen Mitgliederrückgang bei gleichzeitiger Flächenausweitung gekennzeichnet. Daraus resultiert ein Anstieg der durchschnittlich bewirtschafteten Fläche und produzierten Menge der einzelnen Obst- und Gemüsebaubetriebe innerhalb der EO.

* Durch den technologischen Fortschritt sowie abgelaufene Strukturbereinigungen in den Mitgliedsbetrieben steht ein größeres Produktionspotential zur Verfügung.

* Die Qualitätsproduktion sowie umweltfreundliche Produktionsweisen sind für die Mitgliedsbetriebe der EO sehr wichtig.

* Über EO wird vor allem Kernobst und Fruchtgemüse abgesetzt.

* EO nutzen die öffentlichen Fördermittel (Operationelle Programme) und der öffentliche Unterstützungsrahmen wurde ausgebaut.

* Der Handel ist der wichtigste Absatzweg für die EOs.

* Durch Export und Import werden der Absatz sowie Bezug der Erzeugnisse von EO über den nationalen Markt hinaus ausgeweitet. Der Export ist besonders für den Absatz von Obst wichtig.

 

Resümee und Ausblick

In den obigen Schlussfolgerungen wird der ablaufende Konzentrations- und Entwicklungsprozess in der österreichischen Obst- und Gemüsewirtschaft aufgezeigt. Durch die Anpassung der Strukturen an die sich ändernden wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen kann die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben, wobei sich folgendes zu empfehlendes Handlungspotential abzeichnet:

 

Wirtschaftsbrücke München-Wien-Prag - Das Obst- und Gemüseland Österreich kann seine Marktposition stärken, indem der süddeutsche, österreichische und tschechische Wirtschaftsraum von rund 13 Mio. Nachfragern erschlossen wird. Dies eröffnet dem österreichischen Obst- und Gemüseanbau gute Absatzchancen direkt im Umland.

 

Bündelung des Angebots - Für die Zukunftsfähigkeit des österreichischen Obst- und Gemüseanbaus wird die Verfügbarkeit und Qualität von großen Mengen von Bedeutung sein. Hierfür sind die Vermarktungsstrukturen zu verbessern und der zunehmenden Konzentration des Lebensmitteleinzelhandels zu begegnen. In diesem Zusammenhang spielt die Bündelung des Angebotes in EO gemäß den Vorgaben der GMO (VO (EG) Nr. 1182/07) eine Rolle. Zudem kann in EO die Möglichkeit genutzt werden, auf die Produktion gezielter Einfluss zu nehmen und die angebotene Menge hinsichtlich ihrer Qualität homogener zu gestalten.

 

Bioobst und -gemüse - Trotz großer Probleme sollte der Anbau von Bioobst und -gemüse stärker gefördert werden, weil die Nachfrage nach Bioware steigt und zunehmend vom Ausland zu Lasten heimischer Marktanteile bedient wird. Hier sind vor allem produktionstechnische Fragen zu klären und für Bäuerinnen und Bauern verständlich aufzubereiten sowie die praktische Umsetzung zu begleiten.

 

Nutzung von Synergieeffekten durch Unterglasproduktion - Mit der Nutzung nachwachsender Rohstoffe für die Gewinnung von Energie fällt insbesondere bei der Biogaserzeugung Abwärme dezentral in landwirtschaftlichen Betrieben an. Die Nutzung dieser Wärme zur Beheizung von Unterglasflächen kann dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit der Unterglasproduktion erheblich zu verbessern und bestehende Arbeitskapazitäten auf landwirtschaftlichen Betrieben über einen langen Zeitraum im Jahr zu nutzen. Die gezielte Kombination von

Biomasse und Unterglasproduktion in ausreichend großen Einheiten (grünen Zentren) könnte daher eine Option für Österreich sein, besonders wenn in den südlichen Ländern das Wasser zunehmend knapper wird.

 

Neue Produkte (Produktinnovationen) - Die Obst- und Gemüsemärkte werden auch künftig mit sich ändernden Nachfrageverhalten (z.B. unregelmäßige Essenszeiten - Ready-to-eat meals, kleine Packungsgrößen für Singlehaushalte) konfrontiert sein. Der Obst- und Gemüsebausektor wird diesen Entwicklungen durch eine Anpassung der Produkte Rechnung tragen müssen. Produktinnovationen reichen dabei von der Arten- und Sortenauswahl (z.B. exotische Obst- und Gemüsearten, traditionelle aber "vergessene" Arten), der Verarbeitung (Convenience, Veredelung) und Verpackung (z.B. "Obst- und Gemüsekörbe") bis hin zu Dienstleistungen und Veranstaltungen (Hoffeste, Schau- und Selberpflückanlagen, Verkostungen, Kochveranstaltungen).